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erschienen in der HOW TO #5 – job

Die Freie Lanze

von André Hille


“Freelancers generally enjoy a greater variety of assignments
than in regular employment, and — subject to the need
to earn a regular income — usually have more freedom to
choose their work schedule. The experience can also
lead to a broad portfolio of work and the establishment of
a network of clients.”

Wikipedia, engl.

Die Idee, etwas zu vermieten, ist an sich ja keine schlechte. Wir mieten Wohnungen, Hotelzimmer, Autos, Büros usw. Neben dem Eigentum fußt unsere Gesellschaft auf Miete. Jemand besitzt etwas, was er anderen für eine gewisse Zeitdauer zur Verfügung stellt. Problematisch wird es oft dann, wenn wir davon sprechen, uns selbst, unseren Geist oder gar unseren Körper zu vermieten. Dabei ist Arbeit eigentlich nichts anderes als Vermietung. Wir besitzen etwas, das wir anderen zur Verfügung stellen. Der Körper (oder der Geist) muss zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Ich leihe mich gegen Geld aus. Je wertvoller die Fähigkeit ist, die ich verleihe, umso mehr Geld kann ich nehmen. Deshalb die Rufe nach höherer Bildung: Kisten stapeln kann erst mal jeder. Die Arbeit eines Atomphysikers können erst mal nur sehr wenige Menschen tun, daher wird seine Anwesenheit teurer als die eines Lagerarbeiters sein. Dass Paris Hilton für einen Abend auf einer Party bis zu einer halben Million Dollar bekommt, zeigt, wie wertvoll ihre Anwesenheit an diesem Abend an diesem Ort ist. Die große Cleverness Paris Hiltons liegt also darin, ihren Markenwert so aufzubauen und zu steigern, dass sie sich selbst für eine halbe Million pro Abend vermieten kann. Da verhält es sich mit Menschen nicht anders als mit Immobilien: Die Anwesenheit eines Menschen an einem Ort ist im Zweifelsfall immer so viel Wert, wie jemand bereit ist, dafür zu bezahlen.

→ Arbeit: aus „Orbu“, Knecht, Knechtstätigkeit. Wurde im Mittelalter vorwiegend im negativen Sinn als „Not“, „Mühsal“ gebraucht und im allgemeinen Gegensatz zur „Muße“, dem „Müßiggang“ gesehen.

1) ursprünglich, wie wir sahen, war arbeit die auf dem knecht lastende, vorzugsweise was für die feldbestellung, um tagelohn gewerkt werden muste: und machten inen ir leben saur mit schwerer erbeit im thon und zigeln.
2) Mos. 1, 14; und die kinder Israel sufzeten uber ire erbeit. (Grimms Wörterbuch)
→ Das englische Wort „Freelancer“ war im Mittelalter die Bezeichnung für jene Ritter, die als Söldner tätig waren und so ebenfalls einsatzbezogen engagiert und bezahlt wurden (engl.: „lance“; zu dt.: „Lanze“).


Im Folgenden wollen wir das Augenmerk auf zwei weit verbreitete Formen der Vermietung der eigenen Arbeitskraft richten: Das Angestelltendasein und das Freiberuflertum, das Freelancing. Bei einem Angestellten ist die Sache überschaubar. Er geht morgens um acht Uhr zur Arbeit, stellt sein Know-how, seine spezifische Fertigkeit, für durchschnittlich 8,5 Stunden zur Verfügung und bekommt dafür am Monatsende sein Geld. Ein Angestellter des Grünbauamtes schneidet Bäume, eine Kellnerin läuft acht Stunden im Lokal herum, ein Beamter sitzt acht Stunden im Büro. Wir haben an einem bestimmten Ort zu sein und etwas Bestimmtes zu tun. Natürlich gibt es hier große Unterschiede. Vom »Stechkarte rein, Kopf aus« bis zum High Potential, der fast schon agiert wie ein Freelancer – Tätigkeit ist nicht gleich Tätigkeit und die Grenzen zwischen Festanstellung und Freelancing verschwimmen immer mehr. Der Angestellte kann oder darf in der Regel nicht nach eigenem Gutdünken gestalten, er ist eingebunden in Zwänge. Er hat kaum Freiheit – dafür bekommt er Sicherheit. Dem einen ist die Freiheit, dem anderen die Sicherheit wichtiger. Man wird das eine immer mit dem anderen bezahlen.

„Als freier Mitarbeiter hat man Vorteile (freie Zeiteinteilung,
freier Arbeitsort, wesentlich höheres Einkommen).
Dem steht als Nachteil gegenüber: Kein festes Einkommen,
sondern zuweilen wochenlang gar kein Einkommen.
Man muss häufig neue Kunden akquirieren, braucht ein gutes
Zeitmanagement und muss alle beruflichen Nebenkosten
sowie Kosten für die eigene soziale Sicherung selbst tragen
und organisieren.“

Wikipedia dt.

Freiberufler sind in gewisser Weise Mieter und Vermieter, Chef und Angestellter in einem. Sie stellen sich selbst an. Der Nachteil: Sie können sich selbst nicht bescheißen, der Vorteil: Sie können sich selbst freigeben. Gut organisierte Freiberufler wissen ganz genau, wie viel jede ihrer Stunden kostet (brutto und netto) und wie viel von diesen bezahlten Stunden es im Monat geben muss, damit sie über die Runden kommen. Sie können es sich erlauben, Montagmorgen in der Badewanne zu liegen, arbeiten aber dafür bis Mitternacht, sie checken E-Mails im Urlaub und den Druck, den der Chef im Büro aufbaut, muss sich ein Freiberufler tagtäglich selbst machen, sonst passiert nichts. Gewisse Zwischenstufen der Befehlskette fallen also bei Freiberuflern weg. Der Antrieb, etwas zu tun, liegt nicht in »Rundschreiben 453«, sondern in einer quasi intrinsischen Notwendigkeit. Freiberufler sind näher dran an den existenziellen Zusammenhängen zwischen Arbeit und Leben, ja, man könnte so weit gehen zu sagen, Arbeit und Leben sind bei Freiberuflern eins, während bei Angestellten eine mehr oder weniger scharfe Trennlinie zwischen beiden verläuft. Nach Feierabend beginnt die Freizeit. Der Freiberufler kann gestalten, sein Leben, sein Umfeld, seine Arbeit. Niemand gibt ihm Aufgaben, niemand setzt ihm Grenzen. Das Gestalten-Können kippt oft aber auch in ein Gestalten-Müssen. Ein Freiberufler muss sich ständig weiterentwickeln, er muss schnell sein und geistig hochflexibel, um sich im Wettbewerb der Vereinzelten behaupten zu können. Der Freiberufler schöpft sein ganzes Potenzial aus, was manchmal zur Erschöpfung führt. Ein Freiberufler kann es sich erlauben, kreativ zu vsein. Oder: Er muss es sein. Selbstentfaltung wird hier zum Programm. Und doch: Die alten Grenzen verschwinden. Ein etablierter Freiberufler lebt heute sicherer als ein Angestellter. Alte Begrifflichkeiten lösen sich auf. Wir leben alle nur noch in Projekten, wir haben alle drei oder vier Jobs und müssen Meister unseres eigenen Schicksals sein. Die Verantwortung für das eigene Dasein wächst.

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